natur & kosmos, 10.01.02

Tödliches Uran-Recycling    auf eine strahlende Zukunft

Beim Bau von Zivilflugzeugen und Bomben wird Atommüll entsorgt und gefährdet unsere Gesundheit
Grafische Darstellung der weltweiten Verteilung von Atomwaffen

Als am11. September letzten Jahres eine Rauchsäule über dem Pentagon aufstieg, griff die Strahlenforscherin Janette Sherman in Washington routinemäßig nach dem Geigerzähler und konnte kaum glauben, was sie sah. Die Gammastrahlungswerte über der amerikanischen Hauptstadt waren sieben bis zehn Mal höher als normal. Bei der daraufhin vom FBI und der Umweltbehörde EPA eingeleiteten Untersuchung wurde ein radioaktives Wrackteil gefunden und entsorgt. Die Öffentlichkeit wurde nicht informiert.

Alarmsirenen heulten indessen unerwartet auf, als am 20. Februar 2001 ein Lastwagen mit frisch produzierten Aluminiumblöcken das Strahlenmeßgerät am Tor der Recyclingfirma IMCO im amerikanischen Bundesstaat Ohio passierte. Untersuchungen ergaben, daß die Firma verschrottete Teile aus Passagierflugzeugen eingeschmolzen hatte. Die Strahlungsquelle, so stellte man fest, war abgereichertes Uran, ein Abfallprodukt der Herstellung von spaltbarem Material für Atombomben und Kernkraftwerke.

Die zwei scheinbar voneinander unabhängigen Ereignisse sind Glieder einer Indizienkette: Seit mehr als 25 Jahren verkauft die Atomindustrie den schwach strahlenden Müll an die private Wirtschaft. Und ebenso lange nutzt das Millitär das extrem harte Material zum Panzern von Fahrzeugen und Verstärken von Projektilen und Bomben. Leidtragende sind nicht nur Soldaten, sondern auch die Zivilbevölkerung und besonders künftige Generationen.

Die US-Streitkräfte und das amerikanische Energieministerium verfügen aus Atomreaktoren und der Bombenproduktion über 704000 Tonnen abgereichertes Uran (U238), für die es kein Entsorgungskonzept gibt, mit denen sich aber hartes Geld verdienen läßt. Das Schwermetall wurde nicht nur in der Röntgenmedizin und für die Härtung von Borstäben verwandt, sondern auch im zivilen Flugzeugbau und bei der Herstellung von Konsumgütern benutzt.

Ein Bombengeschäft mit hohen Risiken. Abgereichertes Uran entsteht, wenn dem in der Natur vorkommenden Uran während der Anreicherung das zur Kernspaltung unentbehrliche Uran-235 entzogen wird. Das als Müll übrig bleibende abgereicherte Uran ist ein Alphastrahler mit einer Halbwertzeit von 4,5 Milliarden Jahren. Seine Teilchenstrahlung reicht zum Beispiel in Luft nur wenige Zentimeter weit und ist relativ ungefährlich, solange das Uran nicht in den Körper gelangt. Deshalb wurden die gesundheitlichen Auswirkungen bislang als gering bezeichnet. Eine hochgefährliche radiologische und toxische Wirkung entfaltet sich jedoch, wenn das Material unter hohen Temperaturen verbrennt. Dabei kommt es zu einer Feinverteilung der Uranpartikel, die sich selbst entzünden und in giftiges Uranoxid verwandeln, das sich durch Wind und Wasser übers Land verteilt. Uranoxid kann durch die Mundschleimhaut, die Lunge und offene Wunden in den Körper aufgenommen werden. Die Folgen: Nervenlähmung, Schäden an Nieren und Herz, am Verdauungstrakt, in den Fortpflanzungsorganen und in den Blutgefäßen.

Strahlen- und Umweltmediziner verweisen darauf, daß gerade der lungengängige Staub im Körper gespeichert wird. Zehn Elektronenvolt Strahlungsenergie reichen aus, um Moleküle aufzubrechen und alle Zellen in der unmittelbaren Umgebung zu schädigen. “Ein einziges Atom davon setzt an Alphastrahlung aber eine Energie von mehr als vier Millionen Elektronenvolt frei”, sagt die kanadische Strahlenmedizinerin Rosalie Bertell.

Wenn das abgereicherte Uran aus wiederaufgearbeiteten Kernbrennstäben stammt, ist seine toxische Wirkung noch stärker. Es enthält dann nämlich extrem giftige Plutonium-Isotope.

Bei Bohrstäben und an Röntgenapparaten mag die radioaktive und chemotoxische Gefahr durch die Verbrennung gering sein, bei Flugzeugen und Waffen aber ist sie hoch. Bis 1981 wurden in Passagierflugzeugen des Herstellers Boeing jeweils bis zu 600 Kilogramm abgereichertes Uran als Gewichtsstabilisator eingebaut. McDonnell-Douglas verwendete sie bis 1988 in Hubschraubern und dem Verkehrsflugzeug DC 10. Daß dadurch Flugzeugabstürze mit der folgenden Feuersbrunst zu einem massiven Gesundheitsrisiko für die Bevölkerung werden können, blieb der Öffentlichkeit bislang weitgehend verborgen.

Beim Aufprall eines Passagierflugzeugs entstehen Temperaturen von mehr als 1200 Grad Celsius. Nach Angaben der Hersteller verwandelt sich das Uran aber schon bei 500 Grad Celsius in das staubige Uranoxid. Genau das ist offenbar im Oktober 1992 passiert, als eine El-Al Boeing auf den Amsterdamer Stadtteil Bijlmermeer stürzte. Eine parlamentarische Untersuchungskommission des niederländischen Parlaments kam zu dem Ergebnis, daß die Gesundheitsprobleme der Anwohner und Rettungskräfte auf abgereichertes Uran zurückzuführen sind.

Bei vielen zurückliegenden Abstürzen dürfte giftiger Uranoxidstaub freigesetzt worden sein. Erwiesen ist es beim Aufprall des PanAm-Jumbos bei Lockerbie 1990 und dem Absturz einer Boeing 747 der Korean Air im englischen Stansted im Dezember 1999. Erst seit 1982 wird in der Boeing 747 das teuere Wolfram eingesetzt. Die alten Maschinen aber fliegen weiter. Dabei warnte die Luftfahrtbehörde der USA schon 1985, daß das Schwehrmetall bei Abstürzen sowohl toxische als auch radiologische Wirkungen entfaltet, und mahnte bei Rettungskräften eine entsprechende Schutzkleidung an.

Aber das Material findet sich in kleinen Mengen auch in Konsumgütern. So verkaufte die französische Brennstäbefabrik ´Cogéma´ noch bis zum Februar 2000 abgereichertes Uranpulver an die Firma Cristallerie de Saint-Paul. Dort wurde es mit Emaillepulver verrührt und unter dem Namen ´jaune no. 17´ an Goldschmiede und Juweliere verkauft, die es mit Kupfer, Silber und Gold vermischten oder für die Herstellung von Emailleschmuck verwendeten. Da Flugzeugteile mit abgereichertem Uran in den USA recycelt werden können, dürfte es Bestandteil zahlloser Gegenstände aus recyceltem Aluminium sein: Fahrrädern, Autos, Lampen, Haushaltsgeräten.

Dabei gilt die radioaktive Niedrigstrahlung längst nicht mehr als harmlos. Rosalie Bertell, die für ihre Forschung den alternativen Nobelpreis erhielt, befürchtet sogar Mutationen: “Wenn wir die Veränderungen der Erbinformation durch abgereichertes Uran weiter zulassen, verkürzen wir die Zahl der Generationen, die nach uns auf der Erde leben.”

Auch das Millitär weiß seit langem von den gefährlichen Folgewirkungen angereicherten Urans. Warum sonst werden Bundeswehrsoldaten im Rahmen ihrer Ausbildung über mögliche Gefahren im Umgang mit Fahrzeugen informiert, die von Munition mit abgereichertem Uran zerstört wurden, und mit Schutzmasken ausgerüstet?

Diese Vorsorgemaßnahme ist durch den Afghanistankrieg hochaktuell. Denn offenbar setzen amerikanische und britische Streitkräfte bei ihrem Feldzug gegen den Terrorismus Waffen ein, die mit abgereichertem Uran gehärtet wurden. U-238 wird dabei als metallische Schicht auf die Spitzen der Projektile aufgetragen oder in die Geschosse eingebaut. Derart gehärtete Munition kann Panzerstahl und drei Meter dicke Bunkerwände durchbrechen - und wohl auch die Eingänge der Felshöhlen zerstören, in denen man Osama bin Laden, den Logistiker des Terrors, vermutet.

Offiziell gibt es zwar noch keine Bestätigung über die Verwendung solcher Waffen gegen die Taliban. Doch die britische Tageszeitung ´The Telegraph´ berichtete bereits, daß Uran-Munition in den mittleren Osten transportiert wurde. Noch vor Ausbruch des Krieges kündigte die US-Marine an, sowohl die Cruise Missiles als auch die ´klugen´ SSB-Bomben mit ´verdichteten Materialien´ zu bestücken. Beide Waffen wurden verwendet. Das amerikanische Center of Defence information berichtete zudem über den Einsatz von panzerbrechenden Waffen der Marke ´Hellfire´ am 17.10. 2001 und über zwei Tonnen schwere bunkersprengende Bomben(GBU 37) am 11. und 13. Oktober. Letztere bestehen zu zwei Dritteln (1,5 Tonnen) aus Schwermetallen. Sollte es sich dabei - wie angenommen - um abgereichertes Uran handeln, dann rechnen Waffenspezialisten wie der Engländer Dai Williams in Kürze mit einem “Afghanistan-Syndrom”.

Der hochgiftige Staub wurde nämlich auch schon als Hauptquelle des Golfkriegsyndroms bei 115000 alliierten Soldaten vermutet, an dessen Spätfolgen - so Rosalie Bertell - bis zu 10000 Veteranen starben. Für Mißbildungen bei Neugeborenen und Krebserkrankungen bei der irakischen Zivilbevölkerung wird er genauso verantwortlich gemacht. Nach offiziellen Angaben wurde von den USA allein im Golfkrieg Munition verschossen, die mindestens 300 Tonnen abgereichertes Uran enthielt. Ebenso kam sie in Bosnien und im Kosovo zum Einsatz.

Wenn der Schlachtenlärm am Hindukusch verklingt, liegt der Tod wahrscheinlich immer noch in der Luft. Die Zeitung “Dawn” aus Islamabad befürchtet, daß radioaktiver Staub über den Kabul-Fluß bis in den Indus geschwemmt wird, die Hauptwasserquelle in Pakistan.

Sollte sich der Verdacht einer großflächigen Kontamination bestätigen, müssen nicht nur alliierte Soldaten, Personal der Hilfsorganisationen, internationale Beobachter und Journalisten unter den Folgen leiden, sondern vor allem die afghanische Zivilbevölkerung.

Die “humanitären Abwürfe” der US-Armee enthielten keine Atemschutzmasken, nur Kekse, Erdnußbutter und Transistorradios. Selbst wenn dies den Hunger einiger Betroffener stillte, können sich trotzdem Tragödien wiederholen, von denen der deutsche Radiologieprofessor Horst Günther Siegwart nach der Operation “Wüstensturm” berichtete. Er hatte beobachtet, daß 1991 irakische Kinder aus Mangel an Spielzeug die leeren Gefechtsköpfe eingesammelt und als Puppen mit ins Bett genommen hatten. Die ersten starben zwei Jahre nach Kriegsende an Leukämie.
Gesko v. Lüpke

“Wenn es nötig ist, werden wir sie benutzen”, sagte ein Sprecher des US-Verteidigungsministeriums über den Einsatz von Uran-Waffen im Afghanistan-Krieg.

Beim Absturz eines Flugzeugs mit Urangewichten auf ein dicht besiedeltes Gebiet rechnet der amerikanische Physiker Robert L. Parker mit ernsten gesundheitlichen Folgen für 250000 Menschen.

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Aktualisierung dieser Seite am: 19.12.03